Geburtstage und ich

eine Hassliebe in vier Akten

Hanna Goldfisch

BACK IN THE DAYS

Als ich noch klein war, war der Geburtstag für mich das Thema schlechthin, es war mein Tag.

Ich konnte es kaum erwarten, wieder ein Jahr älter zu werden. Denn auf mich warteten Geschenke, die die Durststrecke bis Weihnachten stillten. Meine Familie war an diesem Tag besonders nett zu mir, denn es war schließlich der Tag, an dem ich geboren wurde.

Was mir aber immer fehlte, waren die Partys. Ich hatte nie so coole Kindergeburtstage wie meine Freunde, die Topfschlagen, Blinde Kuh und Schokoladenwettessen in ihrem Programm hatten. Die Spiele waren dabei aber für mich zweitrangig. Ich fand es beneidenswert, dass so viele Freunde mit dem Geburtstagskind feiern wollten, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren.

Eigentlich kann ich mich nur an zwei Geburtstage erinnern, an denen Freunde eingeladen wurden. Das lag nicht daran, dass wir uns keine Party leisten konnten, sondern daran,dass ich die meiste Zeit meiner Kindheit bei meinen Großeltern verbrachte. Für mich war ein Kindergeburtstag lebensnotwendig. Für meine Oma, die den zweiten Weltkrieg miterlebte, war es dagegen ein absolutes Luxusproblem, einen Geburtstag mit Freunden zu organisieren. Also blieb der aus.

 

Achtzehn Jahr goldnes Haar

Das Strahlen beim öffnen des Geschenkpapiers verblasste und die Präsente, die hinter der bunten Verpackung zum Vorschein kamen, brachten meine Augen nicht mehr zum leuchten. Denn ich war mittlerweile ein Teenager, und für mich zählten andere Dinge als irgendwelche Geschenke. Ich wollte, wie meine Freunde, eine Party schmeißen. Natürlich hatte ich aber nach wie vor das „Problem“, dass ich bei meinen Großeltern lebte.

Am Tag meiner Volljährigkeit regte ich mich dann mehr über das Erwachsenwerden auf, als irgendeine geile Feierei zu veranstalten. Ich weiß noch, wie ich nach meinem achtzehnten Geburtstag zwei Tage heulend unter der Bettdecke lag und mir dachte: „Jetzt geht es nur noch bergab.“ Ich hatte in erster Linie Angst davor, in der Gesellschaft als Erwachsene zu zählen, dabei war ich doch ein paar Stunden zuvor noch offiziell ein Kind gewesen.

Natürlich schmunzele ich jetzt darüber. Wenn ich könnte, würde ich mit dem DeLorean eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen, um mir selbst eine fette Ohrfeige zu verpassen.

Die darauffolgenden fünf Jahre reiste ich um die Welt und das genau in der Zeit, in der ich Geburtstag hatte. Thailand, Bali, USA. Am besten so weit weg wie möglich. Nichts sollte mich daran erinnern, dass ich den Zahn der Zeit nicht aufhalten kann. So und da reiste ich an meinem Ehrentag, um den halben Globus, um mich vor mir selbst und dem lästigen Jahr zu verstecken.

Keinesfalls wollte ich mit Freunden diesen „großen“ Tag feiern. Wozu auch! Wie sollten sie den Tag genießen, den ich so abgrundtief hasste?

kids from the hill, travel blog, geschichten aus dem leben, geburtstage und ich zeichnung von hanna Goldfisch  

FLASHBACK

Auch wenn ich es mir noch so sehr wünsche, ich kann es nicht aufhalten, dass sich mit jedem Jahr mehr, auch die Kerzen auf der Torte, dichter aneinander reihen.

Die zwei Wochen vor meinem Geburtstag sind für mich dabei die schlimmsten. In meinem Kopf läuft in dieser Zeit eine Endlosschleife von „Forever Young“.

Dass ich vielleicht auch reifer und klüger werden könnte, kommt mir natürlich nicht in den Sinn.

In meinem Freundeskreis gibt es keinen, der so ein großes Problem mit dem Älterwerden hat wie ich. Aber warum gerate ich überhaupt in Panik?

Ich glaube, dass dafür meine Eltern die größte Schuld tragen.

Mein Vater steckte mit Anfang fünfzig in einer mega Midlifecrisis, sodass er jeden Freitag mit seinen Jungs einen draufmachte und in den Clubs Zuhause war, die ich auch besuchte. Peinliches Gefühl, wenn der Vater plötzlich hinter dir steht, während du mit deinen Mädels betrunken auf der Tanzfläche am abzappeln bist. Seine größte Leidenschaft waren schnelle Motorräder und ein unverantwortlicher Fahrstil. Gleichzeitig auch sein Verhängnis. Er starb an einem sonnigen Nachmittag im September.

Meine Mutter dagegen massierte zweimal am Tag für eine Stunde ihr Gesicht, mit irgendwelchen Antiaging Cremes. Ihr Alter sah man ihr an dem Tag, an dem sie starb, auf jeden Fall nicht an.

Kein Elternteil konnte mich aufs Älterwerden vorbereiten; beide haben mich mit einem Berg aus Zweifeln und Angst zurückgelassen. Aber könnte ich dem Alter entspannter entgegensehen, wenn sie noch am Leben wären?

Ich denke nicht. Beide lebten in ihrem eigenen Kosmos der ewigen Jugend und wollten nicht aktzeptieren, dass sie altern. Gerade deshalb konnte ich mir auch nie vorstellen, wie meine Eltern, alt und runzelig, im Schaukelstuhl sitzend, Geschichten aus ihrem Leben erzählen.

 

DIE SUCHE NACH LÖSUNGEN

Mir die Zeit zu nehmen, über meine Vergangenheit nachzudenken und mir selbst mal den Spiegel vorzuhalten, hat mir unwahrscheinlich geholfen.

Ob ich will oder nicht, ich bin zum Großteil nunmal ein Produkt meiner äußeren Einflüsse, zu denen eben auch meine Eltern zählen. Ich trage die Angst vorm Älterwerden, die auch sie in ihrem Leben begleitet hat, einfach in mir.

Als kleines Kind hatte ich bereits verstanden, dass Geburtstage dafür da sind, den Tag mit Freunden zu feiern, die darüber glücklich sind, dass du da bist. Ich hatte diesen Punkt nur irgendwann verdrängt und mich ausschließlich auf das Älterwerden versteift.

Ich bin dabei, mir selbst wieder beizubringen, dass es tatsächlich einen Grund zu feiern gibt. Nämlich, dass ich lebe. Dass ich Freunde habe, die mich auf meinem Weg zum Erwachsenwerden begleiten. Egal ob ich das Leben gerade liebe oder abgrundtief hasse. Deswegen feiere ich nicht nur für mich, sondern auch für meine Freunde. Und das jedes Jahr aufs Neue.

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