Trauma in Weiß

unsere fast perfekte Hochzeit in Vegas

Hanna Goldfisch

DAS THEMA #1

Heiraten war bislang ein Thema, das ich gemieden habe. Abgesehen davon, dass es Geld, Zeit und Nerven kostet, wird die Liebe an einem Tag auf ein Podest gehoben und alle tanzen wie wildgewordene Affen drum herum. Also, warum heiraten verliebte Paare? Braucht man tatsächlich einen Fetzen Papier, der einem bestätigt, dass man sich liebt? Damals gab man sich das Ja-Wort, damit der Großvater der Oma endlich ans Knie fassen durfte. Heute spart man entweder bei der Steuererklärung oder ist einfach hoffnungslos romantisch. Unsere Generation ist weit davon entfernt, sich auf ewig zu binden, da sich die meisten eh nicht entscheiden können, wer oder was besser für sie ist. Wir sind verwöhnt, egoistisch und freiheitsliebend und das ist gut so. Unsereins wartet auf das ultimative Glück, das Gute ist niemals gut genug und warum sich jetzt festlegen, wenn Lucky Luke an der nächsten Ecke auf dich wartet.

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VEGAS BABY

Aber probieren geht über studieren. Why not? Sich einfach mal ganz spontan das Ja-Wort geben? Da mein noch Freund Till, wie ich, hoffnungslos romantisch ist und wir zudem riesen Britneyfans sind (not), am besten in Las Vegas. Ganz so einfach wie bei Britney ist es dann aber doch nicht. Du denkst, man läuft einfach mal so zackpeng in eine Kapelle und heiratet? Falsch gedacht. An dieser Stelle kommt der Panzer der Realität zum Einsatz, der den Traum von Spontanität, über den Haufen rollt.

Angefangen beim Standesamt-Papierkram geht es damit weiter, bei gefühlten 100 Grad eine Kapelle auszuwählen. Der Asphalt kocht, genau wie das Hirn, denn wir können uns einfach beim besten Willen nicht entscheiden. Der Grund dafür sind nicht die wunderschönen Kapellen, nein, es ist Cindy, die am Empfangstresen auf dich lauert und genervt mit ihren Plastiknägeln auf dem Schreibtisch klappert, weil man sich nicht schon vorher mit diesem überaus wichtigen Thema beschäftigt hat. Zur Auswahl stehen 5 verschiedene Packages, wobei eins beschissener ist als das andere. Beim Einmarsch in die Kapelle singt Elvis und nicht Haftbefehl und „The pink Caddilac costs 500$ extra“. Schnäppchen.

Straff organisiert läuft diese riesige Heiratsmaschinerie auf Hochtouren und du beginnst tatsächlich darüber nachzudenken, ob nun Elvis oder der Priester dich traut, Drive in Schalter oder ganz konservativ in der Kirche? Hat man nun einen Trauzeugen, oder kauft man sich für 60 Dollar einen dazu? Lässt man sich von Elvis im Caddy oder doch vom Helikopter abholen? Normale Fragen halt. Der Strudel des Irrsinns ist in vollem Gang und uns wird kotzübel, da wir uns unablässig für nichts im Kreis drehen. Der schönste Tag des Lebens sieht für uns allerdings anders aus. Aus den geplanten drei Tagen in Vegas sind mittlerweile fünf geworden. Die Stadt ist zu grell, zu laut und viel zu heiß, aber wir verdrängen so gut es geht die bevorstehende Hochzeit, für die es übrigens immer noch keinen festen Termin gibt. Viel lieber laufen wir da jeden Tag in glühender Hitze am Strip auf und ab und tanzen mit Besoffenen zu Autoscooter Sounds bei 45 Grad im Schatten.

 

Wir haben nicht nur Angst, vom Ring geknechtet zu werden, nein. Uns geht diese geplant, ungeplante Hochzeitsvorbereitung mit ihren ganzen Entscheidungen tierisch auf den Sack. Einen Ring gibt es zwar keinen, aber es dämmert uns langsam, dass wir uns mit dieser Aktion ganz schön in die Scheiße geritten haben.

 

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DER EINE, DER EINE ODER KEINER

Mit jedem Tag, der vergeht, werden wir unruhiger und ich nerve Till damit, dass wir jetzt sofort heiraten müssen. Zehn Minuten später versuche ich allerdings, Till davon zu überzeugen, die ganze Sache doch abzublasen. Till, ruhig wie ein Buddha, sieht diesem ganzen Alptraum immer noch viel zu entspannt entgegen. Ihn macht die Hitze, die die Stadt in einen Superbackofen verwandelt, ruhiger, mich nur verrückter. Fakt ist, wir müssen so schnell wie möglich raus aus dieser Discowüste und die ganze Heiratsgeschichte so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Till ist es mittlerweile scheißegal, wer uns traut, da er immer noch sehr daran zu knabbern hat, dass in der Kirche kein Hafti gespielt werden darf. Der beste Freund, das Internet, zeigt uns nach zwei Stunden research den schmierigsten Elvis von ganz Las Vegas und wir sind uns einig. Der muss und soll es werden, der Mann, der uns traut. 

Gesagt getan. Nach dem Aufstehen renne ich wie ein hysterischer Otter mit Tunnelblick und Brautkleid durch das Hotelzimmer. Ich bin selbst ein wenig schockiert über meine affigen Panikattacken. Dabei hatte ich doch die ganze Zeit auf diesen „Traumtag“ hingefiebert, oder etwa nicht?! Da mein fast Ehemann alle Hände voll zu tun hat, mich zu beruhigen, hat er leider gar keine Zeit, in den Genuss des Panikschiebens zu kommen. Mit Bauchschmerzen fahren wir zu unserem Elvis. Ohne Termin, versteht sich. 

Beim Betreten der Kapelle ist schon mal fremdschämen angesagt, da zwei übergewichtige Rentner zum Gesang von Elvis im Kreis tanzen. Und auf einmal sehe ich die Panik in Tills Augen. Einen besseren Zeitpunkt hätte er sich echt nicht aussuchen können. Buddhatill, hat von jetzt auf gleich, den Spieß einfach umgedreht. Sensationell. Seine Sorgen kann ich allerdings zu 100% nachvollziehen. Logisch, man geht ja auch nicht nüchtern zum Karneval und grölt mit Besoffenen um die Wette, oder erträgt nüchtern die Animateure am Ballermann. Beruhigen kann ich ihn zwar nicht, Schnaps kaufen aber schon. Ha! Problem gelöst. Bevor wir einen Termin ausmachen, fragen wir die Empfangsdame nach einem Liquor Store. Kein Alkohol, keine Hochzeit!

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BLUE SUEDE SHOES

Geschafft! Termin ist vereinbart, und wir haben genau eine Stunde Zeit, um uns den nötigen Mut für die Hochzeit anzutrinken. Zum Glück ist der Schnapsladen gleich um die Ecke. Mit je einer Flasche Champagner und Vodka bewaffnet bleiben uns jetzt noch 45 Minuten Zeit, uns halb ins Koma zu saufen.

Schattenplatz und Klimaanlage auf volle Pulle, sitzen wir schweißgebadet im Auto und exen den Vodka mit Schampus auf leeren Magen. Lecker. Alles dreht sich und wir philosophieren darüber, ob es nun schlimmer ist zu heiraten, oder eine Wurzelbehandlung vom Zahnarzt zu bekommen. Mein Herz pumpt wie wild, ob es am verrückten Mixgetränk oder an der bevorstehenden Hochzeit liegt, kann ich nicht sagen. Bin schon zu voll. Die Zeit neigt sich dem Ende und so auch unser Alkohol. Schnaps ist schon etwas Feines. Die Hemmschwelle sinkt und so torkeln wir, das Himmelfahrtskommando 1.0, euphorisch besoffen zurück zu Elvis. Wir sind voll und bereit. Bereit, uns das Ja-Wort zu geben. 

Die Hochzeit ist eigentlich ganz lustig. Aber das liegt mehr daran, dass wir randvoll und somit unzurechnungsfähig sind. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich nun Elvis, der mich mit seinem skurrilen Lippenzucken in den Bann zieht, oder lieber Till heiraten will. Till macht Elvis ziemlich schwule Komplimente fürs Outfit. Wir tanzen betrunken im Kreis, während Elvis am performen ist und dann ist es auch schon passiert. Wir sind verheiratet. High 5. Keiner wird wahrscheinlich verstehen, welche Welle der Erleichterung uns überrollt, als die Zeremonie vorbei ist. Wir sind Kriegshelden, die die Schlacht gewonnen und gleichzeitig ihre Abschlussprüfung mit 1,0 bestanden haben, während tausend Regenbogendelfine am Horizont wie wild in ihre Flossen klatschen.

 

 

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SOZIAL, UNSOZIAL

Man steht, obwohl der ganze Zirkus vorbei ist, voll unter Strom, ist mega aufgekratzt und natürlich immer noch besoffen. Und was machen besoffene Partypeople? Richtig, Hochzeitsfotos auf Facebook posten. Und dann kommt der Shitstorm. Sich ewig in Vegas zu verstecken ist keine Alternative, man muss sich den Fragen der Familie und Freunde stellen. Wenn man aber schon Goliath in der Hochzeitskapelle besiegt hat, sollte das doch ein Leichtes sein. Oder? Immer Positiv denken. Da mich Tills Eltern noch nicht kennengelernt haben, ist das natürlich ein super Einstiegsthema, über das man reden kann, wenn man sich zum ersten Mal trifft. Enge Freunde sind natürlich richtig begeistert, dass ich einen Mann geheiratet habe, den ich erst ein halbes Jahr kenne.

 

 

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ENDE GUT, ALLES GUT

Was sie aber nicht verstehen ist Folgendes: Es war die beste Party meines Lebens, zu der ich mich selbst gezwungen habe, um nicht wie ein Feigling dazustehen. Da weder Till noch ich viel vom Bund der Ehe halten, bereuen wir auch nichts im nach hinein. Vegas war ein riesengroßes Abenteuer und wir haben den Sprung vom 10 Meter Turm geschafft, zusammen. Ob wir am Ende im Wasser aufklatschen oder sanft landen, liegt an uns. Aber wenn wir uns das nächste mal nach Romantik sehnen, legen wir uns lieber unter den Sternenhimmel und grillen eine Bratwurst. Denn heiraten ist Arbeit, wirklich harte Arbeit.

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